Palästina: Wiedereingliederungsprogramm

Wiedereingliederung von Jugendlichen mit Beeinträchtigungen und Traumata. Dieses Programm versucht, ihnen einen Wiedereinstieg in die soziale und berufliche Welt zu ermöglichen.

Hintergrund und Programmumfeld

Die seit über 50 Jahren andauernde Besetzung der palästinensischen Gebiete und die 12-jährige Blockade des Gaza-Streifens haben vielfältige negative Folgen für die Zivilbevölkerung wie beispielsweise Verletzung von grundlegenden Menschenrechten, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, physische Verletzungen und psychische Traumata oder wirtschaftliche Not.
Der palästinensisch-israelische Konflikt führte in den letzten Jahren zu Tausenden von Verletzten, die lernen müssen mit einer permanenten psychischen oder physischen Beeinträchtigung zu leben. Dabei handelt es sich vor allem um Querschnittlähmungen, Gehbehinderungen, Seh- und Wahrnehmungsstörungen nach Schussverletzungen sowie um posttraumatische Störungen (Schlafstörungen, Depression, Verfolgungswahn, Abbruch der sozialen Kontakte oder Apathie).

Das Jahr 2018 stand im Zeichen einer verstärkten Siedlungstätigkeit im palästinensischen Gebiet. Das weiterhin sehr angespannte politische Klima derweil trägt nicht zu einer Besserung der Situation bei. So führte die Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem, just am Jahrestag von Palästinas Besetzung, zu schweren Ausschreitungen. 2019 gab es eine weitere Annäherung zwischen den USA und Israel als der amerikanische Präsident Trump erklärte, dass israelische Siedlungen im besetzten Westjordanland nicht als illegal betrachtet werden. Weiter stellt das Fehlen von Hilfsgeldern das palästinensische Volk und präsente Hilfsorganisationen vor Probleme.

Die wirtschaftliche Situation im palästinensischen Gebiet führt zu einer hohen Arbeitslosigkeit. Im Jahr 2017 waren 27.4% der Gesamtbevölkerung arbeitslos. Noch dramatischer ist das Bild bei den Jugendlichen (15-24 jährig), von welchen 43% keiner Beschäftigung nachgehen. Bei den jungen Frauen waren es im vergangenen Jahr sogar 70.2%. Menschen mit Beeinträchtigungen finden nahezu keinen Platz im Arbeitsmarkt. So sind 87% der Menschen mit Beeinträchtigungen über 18 Jahre arbeitslos.

Zielgruppen

Jährlich profitieren ca. 600 Kinder und junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen und Traumata im ganzen Westjordanland als direkt Begünstigte von den Dienstleistungen des Programms. Zusätzlich erhalten rund 160 Therapeuten*Innen des Programms und von anderen Organisationen theoretische und praktische Aus- und Weiterbildungen.

Ziele

Das Wiedereingliederungsprogramm verfolgt das Ziel Jugendliche sowie Kinder und junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen und Traumata bei der sozialen und beruflichen Wiedereingliederung zu unterstützen. Durch therapeutische Angebote und präventive Massnahmen wird die psychische Gesundheit in der palästinensischen Gesellschaft verbessert.

Aktivitäten & Wirkung

Psychosoziales Beratungsangebot

Aktivitäten
  • Psychosoziale Beratung/Therapie für Jugendliche und junge Erwachsene.
  • Bildung von Unterstützungs-Teams im Umfeld der Begünstigten.
  • Organisation von Freizeitangeboten.
Wirkung

Jugendliche sowie Kinder und junge Erwachsene mit Beeinträchtigungen oder Traumata können besser mit ihren Beeinträchtigungen oder ihrem Trauma umgehen.

Schulische und berufliche Wiedereingliederung

Aktivitäten
  • Berufsberatung, Abklärung der beruflichen Fähigkeiten und nach Bedarf handwerkliches Training in eigener Werkstätte.
  • Bau von behindertengerechten Zugängen an Häusern der Begünstigten sowie an öffentlichen Einrichtungen wie z.B. Schulen.
  • Initiierung und Unterstützung von Kleinunternehmen von jungen Erwachsenen mit Beeinträchtigungen und Traumata.
  • Vermittlung und Förderung der schulischen Wiedereingliederung (z.B. Stützunterricht).
  • Beiträge an notwendige technische Hilfen und medizinische Behandlung.
Wirkung

Die Begünstigten sind physisch und wirtschaftlich selbstständig.

Sensibilisierung und Öffentlichkeitsarbeit

Aktivitäten
  • Beratung für die unmittelbaren Familienangehörigen der Begünstigten.
  • Capacity Building für die Palästinensische Behinderten-Union.
  • Öffentliche Veranstaltungen, die von Menschen mit Beeinträchtigungen und Traumata durchgeführt werden.
  • Jährliche TV-Kampagnen über Trauma und Beeinträchtigungen.
  • Lobby-Aktivitäten für die Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen und für die Umsetzung des palästinensischen Behinderten-Gesetzes.
Wirkung

Die Familien/Verwandten sowie die Gesellschaft, Firmen und die Regierung kennen die Bedürfnisse und Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen oder Traumata und leisten Unterstützung.

Weiterbildung für Therapeuten

Aktivitäten
  • Durchführung von Aus- und Weiterbildungen in Therapiemethoden für Therapeuten/-innen des YMCA Ostjerusalem und von anderen Organisationen.
  • Teilnahme an und Mitgestaltung von nationalen und internationalen Konferenzen zu Themen wie Rehabilitation, Trauma oder Behindertenrechte.
Wirkung

Palästinensische Therapeuten*Innen entwickeln ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Behandlungstechniken weiter.

Resultate 2019

Psychosoziales Beratungsangebot
  • 978 Personen mit Beeinträchtigungen/Traumata, davon 731 oder 88% Jugendliche im Alter von 12-25 Jahren, erhielten wirksame psychosoziale und therapeutische Unterstützung. 91% der therapierten Kinder und Jugendlichen melden nach Abschluss der Therapie, dass sie besser mit ihrem Trauma oder ihrer Beeinträchtigung umgehen können und 97.5% empfinden eine merkliche Verbesserung ihrer Lebensqualität.
  • 9‘387 Therapiesitzungen wurden insgesamt durchgeführt.
  • Um die Mobilität und Selbständigkeit der Begünstigten sicherzustellen, wurden 36 bauliche Anpassungen in Wohnhäusern (z.B. Bau von rollstuhlgängigen Rampen beim Hauseingang, Umbau von WC/Bad) unterstützt.
  • 69 Begünstigte erhielten medizinische Hilfsmittel wie Prothesen, Gehhilfen oder Rollstühle.
  • Für 13 Personen mit körperlichen Behinderungen konnte Physiotherapie organisiert werden.
Schulische und berufliche Wiedereingliederung
  • 704 Jugendliche wurden in ihrer beruflichen Wiedereingliederung unterstütz.
  • 12 junge Erwachsene wurden in der Gründung eines eigenen Kleinunternehmens unterstützt.
  • 128 Jugendliche erhielten ein Berufsausbildungstraining (z.B. IT, Mechanik, Design, Nähen).
  • 127 Kinder wurden durch Stützunterricht in ihrer schulischen Wiedereingliederung gefördert.
  • 26 Kinder und Jugendliche mit körperlichen Beeinträchtigungen konnten durch Anpassungen an Bauten in ihrer Mobilität und Selbständigkeit unterstützt werden.
Sensibilisierung von Familien und Gesellschaft
  • 5‘542 Personen wurden mit Sensibilisierungsaktivitäten erreicht.
  • 9 Absichtserklärungen für den besseren Zugang zu Beschäftigung für Menschen mit Beeinträchtigungen wurden mit dem Privatsektor unterzeichnet.
  • Zusammen mit der Palästinensischen Disability Coalition wurden verschiedene Aktivitäten und Workshops zum Thema „Schutz vor Gewalt für Frauen mit Beeinträchtigungen“ durchgeführt.
  • Zusammen mit der Nationalen Allianz für die Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen wurde eine Konferenz zum Thema „Berufsbildung für Menschen mit Beeinträchtigungen“ organisiert.
Weiterbildung für Therapeuten/-innen
  • 88 Projektmitarbeitende nahmen an Schulungen vom YMCA Ostjerusalem und anderen Organisationen teil.
  • 7 Mitarbeitende nahmen an mehrtägigen Schulungen im Ausland teil.
  • 36 palästinensische Studierende der Fachrichtungen Psychologie und Sozialarbeit absolvierten ein 4-monatiges Praktikum im Wiedereingliederungsprogramm.
  • 94.6% der ausgebildeten und weitergebildeten Therapeut*innen wenden neu erlangtes Wissen und Fähigkeiten in ihrer Arbeit an.

Resultate 2018

Psychosoziales Beratungsangebot
  • 579 Personen mit Behinderungen/Traumata (Ziel 600), davon 445 oder 77% Jugendliche im Alter von 12-25 Jahren, erhielten wirksame psychosoziale und therapeutische Unterstützung.
  • 7'047 individuelle Therapiesitzungen wurden durchgeführt.
  • Um die Mobilität und Selbständigkeit der Begünstigten sicherzustellen, wurden 36 bauliche An-passungen in Wohnhäusern (z.B. Bau von rollstuhlgängigen Rampen beim Hauseingang, Umbau von WC/Bad) unterstützt.
  • 64 Begünstigte erhielten medizinische Hilfsmittel wie Prothesen, Gehhilfen oder Rollstühle.
  • Für 18 Personen mit körperlichen Behinderungen konnte Physiotherapie organisiert werden.
Schulische und berufliche Wiedereingliederung
  • 334 Begünstigte (Ziel 300) verbesserten ihre Möglichkeiten, wirtschaftlich aktiv zu sein.
  • 94 Begünstigte konnten eine Berufsausbildung in den eigenen Werkstätten oder in einem externen Betrieb absolvieren.
  • Das Programm konnte 40 Begünstigten eine Arbeitsstelle bei privaten Firmen vermitteln.
  • Mit 191 Begünstigten wurden individuelle Berufsberatungen durchgeführt, 92 davon wurden dank der mobilen Beratungseinheit erreicht.
  • Das Programm unterstützte den Aufbau von 9 Kleinunternehmen, welche selbständig von Begünstigten betrieben werden. Davon sind 3 von Frauen initiiert worden.
  • Dank Förderunterricht für 199 Begünstigte und Transporthilfe für 20 Begünstigte konnten insgesamt 199 Jugendliche wieder oder weiterhin die Schule/Universität besuchen.
Sensibilisierung von Familien und Gesellschaft
  • Die Familienangehörigen wurden in die Therapien und Beratungen einbezogen (Ziel 1'500 Per-sonen; die genaue Anzahl der Familienangehörigen wurde nicht erfasst).
  • 67 Treffen mit anderen NGOs, die ebenfalls in den Bereichen Gesundheit und Menschen mit Behinderungen arbeiten, wurden abgehalten.
  • An 2 Treffen mit dem Ministerium für Arbeit wurde eine Liste mit behindertengerechten Indikatoren vorgeschlagen.
  • In 81 Workshops und Info-Veranstaltungen wurde die breite Öffentlichkeit für die Bedürfnisse und Rechte von Menschen mit Behinderungen sensibilisiert.
  • In Schulen und Universitäten wurden 27 Aktivitäten mit demselben Ziel durchgeführt. Als direkte Folge davon wurden an 16 Schulen Unterstützungskomitees gegründet, die sich für die Rechte von Schülern mit Behinderungen einsetzen.
  • 26 Freizeit- und Entspannungsaktivitäten für traumatisierte Kinder und ihre Eltern wurden durchgeführt.
  • Total 5'142 Personen wurden mit Sensibilisierungs-Kampagnen erreicht.
Weiterbildung für Therapeuten/-innen
  • 99 Therapeuten/-innen des Wiedereingliederungsprogramms sind weitergebildet.
  • 171 Therapeuten/-innen von anderen Organisationen wurden aus- und weitergebildet.
  • 27 Student/-innen aus den Bereichen Sozialarbeit und Psychologie absolvierten ein viermonatiges Praktikum im Wiedereingliederungsprogramm.

Standorte

SRF mitenand: Palästinensische Jugendliche - Unterstützung nach Trauma

Erfahrungsberichte

Palästina
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Auf einen Blick

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Fakten zum Programm

Bezeichnung: Wiedereingliederung von Jugendlichen mit Behinderungen und Traumata in Palästina
Partnerorganisation: East Jerusalem YMCA: Rehabilitation Program
Standorte: Beit Sahour, Hebron, Jenin, Jerusalem, Nablus, Ramallah, Tulkarem
Ziel: Kinder und junge Erwachsene mit Behinderungen und Traumata bei der sozialen und beruflichen Wiedereingliederung zu unterstützen inkl. therapeutischen Massnahmen
Zielgruppe: 600 Jugendliche, 200 Begünstige mit Berufsberatung, 160 Therapeuten/-innen weitergebildet
Mittelbedarf 2021: CHF 200'000
Dauer: 2021-2024 / Programmphase IX
Verantwortlich: Isabelle Aebersold isabelle.aebersold at horyzon.ch

Fakten über Palästina

Hauptstadt: Ostjerusalem
Einwohner: 4.9 Mio
Human Development Index: 0,690 (Rang 119.)
Lebenserwartung: 73.9 Jahre
Medianalter: 20.5 Jahre
Jugendarbeitslosigkeit (15-24 Jahre): 46.8%

Quelle: Human Development Report